Reisebericht 2000

Einmal Straßenkinder in St. Petersburg – und kein Ende ...


„Es war einmal ...“ – so fangen alle Märchen an. „Es war einmal ...“, so fing auch meine Beziehung zu dem wunderschönen St. Petersburg an. Allerdings mußte ich drei Jahre warten, bis ich meine „große Liebe“ das erstemal besuchen konnte. Doch bis dahin war schon einiges geschehen. Nun entdecken Verliebte ja bekanntlich erst so nach und nach, dass der andere auch seine „Macken“ hat. Ich muß allerdings gestehen, daß dies bei meiner „großen Liebe“ doch ganz anders war.
Zuerst habe ich durch einen Fernsehbericht über die Straßenkinder in St. Petersburg vor sieben Jahren eine völlig düstere und dazu sehr schmutzige Seite meiner „Auserwählten“ kennengelernt. Erst bei meinen Aufenthalten in dieser Stadt habe ich den krassen Gegensatz von bestechender Anmut und Schönheit, von herrlichen Bauten, ausgezeichneten Kulturstätten und unermeßlichen Kunstschätzen kennengelernt.
All dies aber wird überflutet und häufig zunichte gemacht von übelster Miss- oder Vetternwirtschaft, von einem bankrotten und korrupten Staatsapparat, vieles wird dem Verfall überlassen, weil das erforderliche Geld für den Unterhalt fehlt. Und all dem steht schließlich der beträchtliche Reichtum einer kleinen Schicht und die bittere Armut unzähliger Menschen gegenüber.
Daher übertreibe ich sicher nicht, wenn ich zugebe, daß ich bei meinen jährlichen Besuchen in dieser faszinierenden Stadt mit ihren fünf Millionen Einwohnern jedesmal neu deprimiert bin, wenn ich erlebe, wie sie auch heute noch mit manchen Bevölkerungsgruppen und so auch mit vielen „ihrer Kinder“ umgeht, die auf der Straße liegen und die im Winter überwiegend in der Kanalisation leben.
Die Zahl dieser „Straßenkinder“, die also ganz auf und von der Straße leben und die sich mit Betteln, Diebstahl, Gelegenheitsarbeiten oder Prostitution durchschlagen, ist nicht ganz exakt zu ermitteln, aber ihre Zahl dürfte bei etwa 1500 liegen. Hinzu kommen noch mindestens 5000 Kinder und Jugendliche, die überwiegend auf der Straße leben. Diese haben allerdings noch ein wenig oder zumindest zeitweise Kontakt mit ihrem „zu Hause“.
Um wenigstens einigen dieser Straßenkinder helfen zu können, wurde vor acht Jahren von jungen deutschen Frauen, die in St. Petersburg studierten, der Verein „Perspektiven“ ins Leben gerufen. Inzwischen hat sich unsere Tätigkeit um einige Aufgaben erweitert und sie umfaßt neben der weiterhin wichtigen Arbeit mit den Straßenkindern unter anderem auch den Einsatz in den beiden staatlichen Heimen für schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche in Pawlowsk und Peterhof, die Arbeit mit Familien sowie den Straßenkinder-Circus „Upsala“.
Mancher mag einwenden, dass unsere Arbeit ja nur der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“ sein kann – und ich gebe ihm Recht. Aber aus meiner siebenjährigen Mitarbeit bei „Perspektiven“ weiß ich auch, dass dieser „Tropfen“ unendlich wichtig und ebenso effektiv ist. Da mein Einsatz von Anfang an in erster Linie der Arbeit mit und an den Straßenkindern galt, möchte ich hier auch nur auf diesen Bereich näher eingehen.
In „Bereg – Das Ufer“, einem Heim für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, leben bis zu zwölf ehemalige Straßenkinder. Diese lebten, bis sie freiwillig zu uns ins Heim kamen, völlig auf der Straße – also auch ohne Kontakte zum Elternhaus. Diese jungen Menschen müssen eine Schule besuchen, später eine Lehre absolvieren oder eine feste Arbeit aufnehmen. Die Mitarbeit im Heim gilt als selbstverständlich. Die Kinder und Jugendlichen werden von unseren russischen Mitarbeitern (Heimleiterin, Lehrerin, Psychologin, Sozialarbeiter und Hilfskräften) betreut.
Für mich ist es wohltuend und ermutigend bei meinen Besuchen zu erleben, wie „unsere“ Kinder mit der Zeit hier wieder ein neues „zu Hause“ finden. Schrittweise lernen sie fest auf dem Boden zu stehen und ihr Leben (mit unserer Hilfe) wieder selbst in die Hand zu nehmen. Wenn sie dann mit 18 Jahren das Heim verlassen müssen, haben sie alle einen Arbeitsplatz und eine Wohnung – wobei diese nicht an unseren hiesigen Maßstäben gemessen werden kann. Die Zahl unsere Kinder, die es später „nicht schaffen“ ist Gott sei Dank äußerst gering. Andererseits schickt Julia sich an, einen sozialen Beruf zu erlernen und Rasim hat es sogar geschafft, im letzten Jahr an der Akademie für Sport sein Studium aufzunehmen.
In den letzten Jahren hat es sich ergeben, dass „Bereg“ bei einem derzeitigen Jahresbudget von rund 50.000,-- DM ganz von den Spenden finanziert wird, die ich durch die Mithilfe vieler Menschen und Gruppen an das Heim weitergeben kann. Bei meinen jährlichen Aufenthalten in St. Petersburg erstelle ich mit den Mitarbeitern des Heimes und mit der Gründerin unseres Vereins jeweils den Finanzierungsplan für das kommende Jahr. Ebenso wird die ordnungsgemäße Verwendung der Gelder des laufenden Jahres besprochen. Von daher - und weil ohne einen „Verwaltungsapparat“ - kann ich guten Gewissens sagen, daß alle Spenden ohne irgendwelche Abzüge ankommen und ordnungsgemäß verwand werden.
Nur mit Hilfe vieler Spender war es so auch möglich, vor vier Jahren das uns von der Stadt zugewiesene neue Heim für 40.000,-- DM grundlegend zu renovieren und überhaupt erst einmal bewohnbar zu machen. Dieses war in einem derart desolaten Zustand war, dass wir es hier weder als Hundehütte noch als Stall benutzt hätten. Heute können sich unsere Kinder und Mitarbeiter dort richtig wohl und zu Hause fühlen, obwohl es für westliche Maßstäbe doch sehr einfach und bescheiden ist.
Wenn ich heute auf die sieben Jahre zurückschaue, in denen ich mit „Perspektiven“ für die Straßenkinder in St. Petersburg tätig bin, dann kann ich nur sagen, dass diese Arbeit schon einiges fordert, dass es aber ungeheuer ermutigend und befriedigend ist, jedes Jahr wieder neu zu sehen und zu erleben, wie dieser kleine Verein gewachsen ist und was er schon alles geleistet hat und leistet. Es ist erstaunlich, daß die Verantwortlichen immer wieder den Mut haben, gelegentlich auch ohne endgültige finanzielle Absicherung durch verschiedene Organisationen und Spender, dort zuzupacken wo es gilt, weil sie der Not zahlloser Kinder und Erwachsener einfach gegenüber gestellt sind und nicht tatenlos zuschauen können und dies auch nicht wollen.
So lohnt sich auch für jedes einzelne Kind, für jeden jungen Menschen, der nicht mehr auf der Straße zu leben braucht und sein Leben selbst gestalten und meistern kann, jede Mühe und der inzwischen auch beachtliche finanzielle Einsatz. Vielleicht liegt darin auch der Grund, daß „meine“ Arbeit sich nicht in der einmaligen Aktion zu meinem 50. Geburtstag erschöpft hat, sondern St. Petersburg mit seinen Straßenkindern mich immer mehr in seinen Bann zieht.
Eigentlich war geplant: Einmal Straßenkinder in St. Petersburg – und damit Schluß. Doch inzwischen weiß ich: Einmal Straßenkinder in St. Petersburg – und kein Ende! Und es ist gut, dass es so ist – dass ich mit Ihrer Hilfe weiter helfen kann.

Michael Schaefer

Lebach, Herbst 2000
„Straßenkinder - St. Petersburg“
levo-Bank - Lebach
Kto. 50540200 - BLZ 59393000